Das jtt lädt zum Perspektivwechsel

Einmal pro Woche trifft sich der Jugendclub am Theater Augsburg. In verschiedenen Workshops mit Körper-, Stimm- und Sprechübungen und der Auseinandersetzung mit Texten hat das jtt (junge theater team) hier unter der Leitung von Theaterpädagogin Nicoletta Kindermann die Möglichkeit sich auszuprobieren und nach und nach eine eigene Produktion zu gestalten. Nun ist es wieder soweit: Die neuste Produktion des Jugendclubs steht kurz vor ihrer Premiere! Diese Spielzeit haben sich die Jugendlichen mit Martin Heckmanns Theaterstück Die Zuschauer gewidmet und sich mit den Arten des Erlebens von Theater auseinandergesetzt.

Dabei kamen so einige Fragen auf: Wie verhalten wir uns eigentlich im Theater? Was nehmen wir wahr? Sollte man als Zuschauer gut vorbereitet sein und vorab wissen worum es im Stück geht? Zuschauen ist ja keine rein passive Tätigkeit, denn wir sind dazu aufgerufen aktiv an der Produktion teilzunehmen. Im Hinblick auf die körperliche Teilnahme mutet ein Theaterstück seinen Zuschauer sogar einiges zu: Vom Publikum wird erwartet, über zwei Stunden hinweg mucksmäußchenstill im Dunkeln zu sitzen und alle physischen Vitalfunktionen unterdrücken. Nach dem Vorstellungsbesuch kann man mit Fug und Recht sagen man hätte nichts verstanden, aber man kann nicht behaupten, dass man nichts gesehen, gehört oder erfahren hat! Zuschauer, die vehement daran festhalten, ihnen hätte eine Vorstellung nicht gefallen, können sich trotzdem im Nachhinein oft sofort an bestimmte Augenblicke des Stücks erinnern. Ein Zuschauer, der jedoch meint alles verstanden zu haben, muss im Nachhinein über nichts mehr nachdenken.

Theateraufführungen sind ein soziales Ereignis mit eigenwilligen Formen der Gemeinschaft. Während der Vorstellung kann das Publikum dynamische Veränderungen erffahren, in denen jeder einzelne Zuschauer über sich selbst hinauswachsen kann. Was macht Theater also mit seinen Zuschauern? Finden Sie es heraus! Premiere feiert die Produktion heute Abend, 26. April 2017 um 19.30 Uhr im hoffmannkeller. Weitere Termine sind im Mai und Juli geplant.

Die Zuschauer
Premiere: 26. April 2017
hoffmannkeller

Kaspar Hauser – die Titelrolle

Vor einem Jahr das erste Mal in Freiburg uraufgeführt, nun auch in Augsburg: Hans Thomallas Oper Kaspar Hauser entstand als Koproduktion der Theater in Augsburg und Freiburg – heute, am 23. April, feiert die Auftragskomposition nun Premiere im Textilmuseum Augsburg (tim)!

Besondere Aufmerksamkeit kommt in der Produktion natürlich der Titelfigur zu, für deren Partie der Komponist ganz spezielle Anforderungen hatte: „Seine Stimme sollte die größtmögliche physische Präsenz haben und zugleich die Leichtigkeit eines Kindes.“ Diese fand Thomalla in Countertenor Xavier Sabata, der am Theater Freiburg die Rolle des Findelkindes übernahm – und auch am Theater Augsburg in der Hauptpartie zu sehen sein wird!

Xavier Sabata (Foto: Michal Novak) stammt aus dem katalanischen Avià. Nach einem Schauspiel-Studium an der Hochschule für Theater in Barcelona führte ihn sein Weg in die spanische Hauptstadt. Am Madrider Konservatorium absolvierte Sabata ein Saxophon-Studium und an der Escola Superior de Musica Catalunya ein Studium für historischen Gesang und Lied. An der Hochschule für Musik in Karlsruhe perfektionierte der Countertenor seine Stimme unter Hartmut Höll und Mitsuko Shirai. Nach ersten Arbeiten mit William Christie und Les Arts Florissants steht Sabata mittlerweile mit Ensembles wie Europa Galante, Collegium 1704, El Concierto Español, dem Orquesta Barroca Sevilla und vielen weiteren auf der Bühne. Gastauftritte führen ihn regelmäßig ans Théâtre des Champs-Élysées in Paris, das La Fenice in Venedig, die Krakauer Oper, Madrids Teatro Real, die Tchaikovsky Halle in Moskau und in die führenden Hallen von London und New York.

Dabei ist der Countertenor preisgekrönt: 2013 gewann Xavier Sabata den Premio Ópera Actual, im Jahr darauf wurde er mit dem Premi Tendències d’el Mundo (2014) ausgezeichnet. Sein Repertoire reicht von Cavalli und Monteverdi, über die Heldenrollen der barocken Opera Seria, bis hin zu Erstaufführungen innovativer neuer Werke wie Fabrice Bollons Oscar und die Dame in Rosa. Im Rahmen der Koproduktion Kaspar Hauser übernimmt Xavier Sabata nun erstmals in Augsburg ein Engagement. Die Presse zeigte sich von seiner Leistung in Freiburg bereits sehr angetan:

„Die Klangsprache ist komplex, anspruchsvoll und fordert dem Hörer hohe Konzentration ab. Doch sich darauf einzulassen, lohnt. Die jedem Akt implantierte, mit „Riss“ betitelte Sequenz, in der Kaspar Hauser seine Reflexionen wie einen inneren Monolog offenlegt, berühren zutiefst in ihrer Differenziertheit. Hier ist es an der Zeit, Xavier Sabatas Kaspar Hauser-Darstellung zu applaudieren. Dass der Komponist die Partie für Countertenor schrieb, ist nachvollziehbar; dass er sie speziell für den Spanier verfasste, noch weit mehr. Die Modulationsfähigkeit dieser Stimme, ihre Souveränität im Umgang mit avantgardistischen Gesangstechniken, vor allem aber ihr androgyner Klang drücken der Figur einen unverwechselbaren Stempel auf.“
Alexander Dick, Badische Zeitung, 11. April 2016

Bernhard Doppler beschreibt den Countertenor in seiner Rezension für Deutschlandradio Kultur vom 9. April 2016 als „bewundernswert“, „weil von ihm eine große Bandbreite stimmlicher Variation gefordert ist: von Geräuschen am Beginn, vom Buchstabierern, von Falsett und aber auch tieferen Tönen.“

Kaspar Hauser
konzertante Aufführung mit szenischen Impressionen
Premiere: 23. April 2017

Opernwerkstatt im Textilmuseum

Am Sonntag, 23. April 2017, feiern wir die nächste Opernpremiere: Im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) kommt Hans Thomallas Kaspar Hauser – in einer konzertanten Aufführung mit szenischen Impressionen – zur  Aufführung.

Heute Abend haben Sie die Möglichkeit, bereits vor der Premiere, einmal Mäuschen zu spielen: In unserer Opernwerkstatt laden wir Sie wieder zu exklusiven Einblicken in die Produktion ein und bieten Ihnen die Gelegenheit mit dem Komponisten Hans Thomalla und Dramaturgin Johanna Mangold ins Gespräch zu kommen.

Die Werkstatt beginnt um 19.00 Uhr im Textilmuseum. Weitere Informationen und Anfahrtsbeschreibungen zur Spielstätte finden Sie auf unserer Homepage.

Spannende Langeweile komponieren!

Um es gleich vorweg zu nehmen: hier geht es nicht um eine langweilige Oper, sondern darum, wie Komponist Hans Thomalla das paradoxerweise höchst interessante Thema der Langweile in seiner Oper musikalisch umsetzt. Hans Thomalla beschäftigte sich ausgiebig damit, wie er die vermeintliche „Idylle“ der Gesellschaft, in die Kaspar Hauser einbricht, komponieren kann; vor allem, da sie zeitgleich eine omnipräsente Gefährdung darstellt.

So entschied sich der Komponist für das Orchester als Basis der monotonen Ruhe. Thomalla schreibt hierzu in der Deutschen Bühne (Januarausgabe 2016):

„Harmonisch zementiert in einem großen Akkord, dessen symmetrische Architektur über alle Register jedem Ton oder Klang seinen Platz zuweist. Doch in den Bausteinen dieses Akkordes sind kleine ‚Risse‘, inkommensurable Elemente, die sich der quasitonalen Symmetrie widersetzen. Das Intervall der kleinen Sekunde, das mit einem Anklang von Sentimentalität das Zentrum des Akkordes markiert, wird etwa von einem brüchigen Saxophonspaltklang gespielt, der immer etwas zittert, wabert und nie ganz ‚einrastet‘ in die Architektur des Akkordes.“

Rhythmisch äußert sich die Langeweile zu großen Teilen in Mustern stur fortlaufender Pulse, versehen mit Unschärfen und Ausbrüchen – wie etwa das pulsierende, verstimmte Akkordeon, oder zwei wummernde, gegeneinander verstimmte, tiefe Saiten. Die nach Stabilität suchende Monotonie äußert sich in ähnlichen Strukturen: So wird der erste Ton einer längeren Pulskette zum Beispiel immer von einer tiefen Harfe oder von Bässen gezupft. Wieder sind die Saiten der Harfe mikrotonal verstimmt und die Ruhe der Wiederholung wird durch eine leise, schwer greifbare Verschmutzung der Ordnung der Orchestertexturen gestört.

Der Gesang der Protagonisten spiegelt ebenfalls die gutbürgerliche Monotonie der Bürger Nürnbergs und Ansbach wider. Kaspar Hausers fremdartige Erscheinung erschüttert diese, wenn auch auf wackligen Füßen stehende Ordnung der Bürger, denn er fördert, wie Thomalla es nennt, das Schmutzige in der geordneten Monotonie zutage. Was den Komponisten während des Kompositionsvorgangs selbst überraschte, war, dass diese klanglichen Verstimmungen und Verschmutzungen jedoch fast von auratischer Schönheit sind. In der Januarausgabe 2016 der Deutschen Bühne schreibt er ebenfall, dass:

„die Gefährdung der monotonen Textur durch die nicht rationalisierbare Klangwelt Kaspar Hausers, durch die Verstimmungen, die Ausbrüche und die unkontrollierbaren Pulsierungen, keine Zerstörung von Schönheit bedeutet, sondern dass gerade in der Spannung aus monotoner Struktur und ihrer Gefährdung das Potenzial für die spezifische klangliche und szenische Schönheit dieser Oper […] liegen kann.“

Kaspar Hauser feiert am 23. April 2017 Premiere im Staatlichen Textil- und Industriemuseum (tim).

Ein Liederabend mit Werken von Gustav Mahler

Der Musik von Gustav Mahler zuzuhören, bedeutet immer sich auf eine Reise zu begeben: ob nun ins Innere oder in philosophisch-metaphysische Sphären. Am 8. April 2017 interpretiert Bass Young Kwon, begleitet von Prof. Markus Hadulla am Klavier, drei Liederzyklen von Gustav Mahler im Rokokosaal.

Die Lieder eines fahrenden Gesellen sind Mahlers erster Liederzyklus und erzählen von unerfüllter Liebe, dem Trost in der Natur und im Tod. Die Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert, komponierte Mahler 1901. Sie gehören sowohl inhaltlich als auch musikalisch zu den persönlichsten Äußerungen, die Mahler je geschrieben hat. Mahlers Kindertotenlieder, ebenfalls inspiriert von Gedichten Rückerts, beschließen den Abend mit einer großen metaphysischen Abhandlung über den Sinn von Leben und Tod.

Ach wie ist die Welt so schön!
8. April 2017 | 19.30 Uhr
Rokokosaal der Regierung von Schwaben

Wie klingt Kaspar Hauser?

Am 23. April feiert Kaspar Hauser Premiere im tim (Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg). Die Koproduktion mit dem Theater Freiburg ist in Augsburg konzertant mit szenischen Impressionen zu sehen.

Das besondere Augenmerk liegt dabei auf den Sängern und Musikern der Produktion. Vor dem Hintergrund der Geschichte drängen sich unwillkürlich Fragen auf: Wie klingt die Figur des Kapar Hauser? Wie hat Thomalla die holprigen Kommunikationsversuche und wirren Aussagen des Findelkindes musikalisch umgesetzt?

Der Komponist selbst äußert sich dazu in einem Werkstattbericht der Deutschen Bühne (September 2015):

„Schon früh, in den ersten musikalischen Gedanken zur Oper, lag dieser utopische Aspekt in der erdachten Stimme des Protagonisten: eine Stimme die alles ist – und damit nichts Eigenes. Kaspar Hauser sollte Echo der höchsten Frauenstimmen in der Oper sein können und zugleich die Bässe musikalisch spiegeln; seine Stimme sollte die größtmögliche physische Präsenz haben und zugleich die Leichtigkeit eines Kindes.

Die Begegnung mit dem Countertenor Xavier Sabata in Freiburg im Winter 2012 war dann für die Entstehung des Stückes ein zentraler Impuls: Zwar kann auch er nicht auf überirdische Weise den Koloratursopran einer Königin der Nacht mit der Bass-Gewalt eines Fafner verbinden, aber er machte mir klar, dass die Stimme des Kaspar Hauser nicht unbedingt alles sein muss, sondern dass sie einen Widerspruch in sich tragen kann und sich damit einer stereotypen Identität entzieht. Sabatas Stimme hat die Leichtigkeit und Geschmeidigkeit eines Countertenors und zugleich im Brustregister die Präsenz eines Baritons. Seine Ambivalenz aus femininem Falsett und maskuliner Physis präsentiert genau die Ungreifbarkeit der Titelfigur.“

Mit fremd-wirkenden Geräuschen, übermäßig gedehnten Melodien, langgezogenen Vokal-Linien, harten konsonantischen Plosivlauten und komprimierten Satz- und Wortstücken hangelt sich Kaspar Hauser durch sämtliche Optionen der stimmlichen Artikulation. In seiner Ungreifbarkeit und Fremdartigkeit schlägt er somit wie ein gesanglicher Meteorit in die bürgerliche Ordnung ein.

Termine und Karten

Ballettpremiere im Kongresszentrum

Mit Carmen / Bolero blicken die kroatische Choreografin Valentina Turcu und Hauschoreograf Riccardo De Nigris am 7. April der Premiere eines Doppelballettabends im Kongress am Park entgegen.

NARZISS / BOLERO

Maurice Ravels Bolero, 1928 in der Pariser Oper uraufgeführt, entpuppte sich wegen seiner erotischen, lasziven Tanzweise sofort zum handfesten Skandal. Im Handumdrehen erlangte das Werk eine große Popularität, die vom Komponisten selbst jedoch zeitlebends unverstanden blieb. Auch heute zählt Bolero zu den meistgespielten Werken der Orchesterliteratur. Zahlreiche Musiker ließen sich von Ravels Ballettkomposition inspirieren – so Frank Zappa, die Rolling Stones und Deep Purple. Auch in Film- und Fernsehen wurde Bolero mehrfach aufgegriffen.

Riccardo De Nigris widmet sich Ravels Komposition nun mit einer Choreografie. Thema ist der moderne Narzissmus: Selbstbespiegelung und Eitelkeit werden moralischen Werten und innerer Schönheit gegenübergestellt – ein Konflikt, der weit in die Vergangenheit zurückreicht und gleichzeitig aktuell ist wie nie. Als Sinnbild für den damit verbundenen inneren Antrieb eines jeden Menschen stellt De Nigris einen Tänzer im Laufschritt auf die Bühne.

Sein ehemaliger Kollege Massimo Margaria hat ihm zu Texten von W. Keith Campbell eine elektronische Klangcollage erstellt, die den Auftakt liefert für ein Stück über die Selbstverliebtheit einer ganzen Generation im Selfie- und Fitnesswahn, in der Schein mehr gilt als Sein. Ravels berühmte Komposition bildet den zweiten Teil dieser Choreografie.

CARMEN

Die aus Zagreb (Kroatien) stammende Tänzerin und Choreografin Valentina Turcu gilt als eine der kreativsten und vielseitigsten Künstlerinnen ihrer Heimat. Neben zeitgenössischen Tanzkreationen schuf Turcu auch zahlreiche Arbeiten für das Schauspiel (Hamlet, Dreigroschenoper u. a.) und das Musiktheater (Carmen, La Bohème u. a.), die ihr den Zugang zu großen Handlungsballetten öffneten. Vor allem ihre mehrfach preisgekrönten Fassungen von Romeo und Julia und Carmen (siehe Foto), beide entstanden für das Kroatische Nationaltheater in Split, erobern derzeit die internationalen Spielpläne. Letztere wird nun auch – das erste Mal in Deutschland – auf der Augsburger Bühne im Kongress am Park zu sehen sein. Damit erwartet das Publikum im zweiten Teil des Abends die Dreiecksgeschichte einer starken, unabhängigen Frau zwischen zwei Männern. Ein Konflikt, den sie mit ihrem Leben bezahlt.

Karten für Carmen / Bolero sind ab sofort online und beim Besucherservice erhältlich.

Wer komponierte „Kaspar Hauser“?

Am 23. April feiert die in Koproduktion mit dem Theater Freiburg entstandene Oper Kaspar Hauser Premiere im Textilmuseum. Doch wer steckt hinter der Neukomposition?

Komponist Hans Thomalla

Hans Thomalla, gebohren 1975 in Bonn, studierte Komposition an der Musikhochschule in Frankfurt und an der Stanford University. Heute lebt der Komponist in Chicago, ist als Professor für Komposition an der Northwestern Universtity tätig und leitet dort das von ihm gegründete Institut für Neue Musik.

In seinen Werken thematisiert Thomalla die Ambivalenz von Musik als kulturell und geschichtlich bestimmten Ausdruck aber auch als akustisch geprägte Klangrealität. Dabei schreibt er schreibt Kammer- und Orchestermusik – sein Fokus liegt allerdings auf dem Musiktheater. Seine erste Opernkomposition Fremd für Solisten, Chor, Orchester und Eletronische Klänge kam im Juli 2011 in Stuttgart zur Uraufführung. Thomallas zweite Oper Kaspar Hauser feierte im April 2016 als Koproduktion der Theater Freiburg und Augsburg Premiere in Freiburg.

Hans Thomalla wurde mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet. So erhielt er unter anderem den Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung und den Kranichsteiner Musikpreis sowie den Christoph-Delz-Preis.

Kaspar Hauser feiert am 23. April 2017 Premiere im tim.
Karten und Infos gibt es hier.

Die Entstehungsgeschichte einer Opernproduktion

Vergangenen April feierte Kaspar Hauser Uraufführung am Theater Freiburg. Rund ein Jahr später feiert die in Koproduktion mit uns entstandene Oper nun auch in Augsburg Premiere.

Komponist Hans Thomalla schuf die Oper, die als Auftragswerk des Theaters Freiburg entstand, in den Jahren 2013 bis 2015. Eine erste Begegnung mit dem Stoff hatte der Komponist in einem Bildband zu Kaspar Hauser, auf den er in der Stanford Library stieß. Von der Thematik fasziniert, entwarf Thomalla noch während den Proben zu seiner ersten Oper „Fremd“ ein Libretto und eine Projektskizze. Nach den ersten Treffen mit Countertenor Xavier Sabata konnte Thomalla seine Ideen zur musikalischen Figur des Kaspar Hauser konkretisieren und erarbeitete einen spezifischen „Sound“ für die Gesellschaft, in die das rätselhafte Findelkind einschlägt.

Thomalla selbst schreibt zur Entstehung seiner Komposition in der Deutschen Bühne (Ausgabe Dezember 2015):

„Was als eine dokumentarische Reflexion über Kaspar Hauser begann, war am Ende die Oper „Kaspar Hauser“. Dabei wich die Nacherzählung einer historischen Begebenheit mehr und mehr dem autonomen Text der Partitur mit seiner eigenen musikalischen und sprachlichen Realität und als letztem Entwicklungsschritt einer Vergegenwärtigung durch die Inszenierung auf der Freiburger Bühne. Dass dieser eigene musikalische, sprachliche und szenische „Text“ der Oper viele Anknüpfungspunkte mit dem dokumentarsichen Material hat, versteht sich von selbst.“

Die Presse zeigt sich begeistert vom dreiaktigen Opernwerk. Susanne Benda, Journalistin bei den Stuttgarter Nachrichten, schreibt nach der Uraufführung im April 2016:

„Auch Thomallas zweites Musiktheater lebt von der hohen Kunst der Vokalkomposition. […] Schon „Fremd“, uraufgeführt 2011 in Stuttgart, war, so gesehen, eine Oper über die Oper (oder über das Nachdenken darüber), und das ist jetzt wieder der Fall. Auch „Kaspar Hauser“, dessen Libretto Thomalla nach Zeitzeugenberichten und nach den autobiografischen Notizen Hausers selbst verfasste, hätte den Titel „Fremd“ tragen können, und so darf man die wunderschönen Szenen, in denen Thomalla die Begriffe „Nichts“ und „Niemand“ mit zerbrechlichen, oft kaum hörbaren Klängen umkreist, als zentrale Momente des Stücks verstehen.
Sie sind dessen schönste. Thomalla erweist sich auch in diesem Stück wieder als Vokalkomponist von höchster Fantasie, Kraft und Qualität. Bei den (exzellent einstudierten) Ensembleszenen könnte man versinken in die fast erotisch wirkenden Reibungen und dichten Kreuzungen der Gesangslinien, die sich, oft unbegleitet, zu amorphen, irisierenden Klangflächen fügen. Kompositionstechnisch beweist das Stück ebenso höchstes Niveau wie in seiner Art des Nachdenkens über die Musikgeschichte.“

Kaspar Hauser
Premiere: 23. April 2017
Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim)

Liget, Berio und Strawinsky beim 6. Sinfoniekonzert

Kommende Woche laden die Augsburger Philharmoniker unter dem Titel Folklore neu gehört zum sechsten Sinfoniekonzert der Spielzeit 2016/17. Am Montag und Dienstag, 20. und 21. März 2017 präsentiert das Orchester im Kongress am Park drei musikalische Annäherungen an die landeseigene Folklore.

György Ligeti

Den Auftakt macht dabei György Ligetis Concert Românesc, das rumänische Volkslieder vearbeitet. Obwohl die Komposition stark der Dur-Moll-Tonalität verpflichtet ist, sorgten einige als politisch inkorrekt empfundene Dissonanzen dafür, dass das Werk vom stalinistischen Regime verboten wurde. Das Verbot bestärkte den Komponisten in seiner Entscheidung, von jetzt an „eine radikal dissonante und chromatische Musik zu entwickeln“ – Kompositionen wie Apparitions, Atmosphères und Ramifications sollten Ligeti in der Folgezeit berühmt und berüchtigt machen.

Luciano Berio

Eine „stilisierte Verwendung“ folkloristischer Motive ist auch die Grundlage für Luciano Berios Voci. Berio transkribierte sizilianische Arbeits-, Wiegen- und Liebeslieder, und bediente sich dabei dreier Schritte: Er identifizierte sich mit dem musikalischen Original, nutzte es als Vorstufe für das Experimentieren mit dem Material, und erreichte schließlich das Stadium des Zerstörens. So erklingen die sizilianischen Lieder in Voci teilweise in ihrer Originalgestalt in unterschiedlichen harmonischen und instrumentalen Kontexten, teilweise als Fragmente, die dann zu neuen „Liedern“ zusammengesetzt werden.

Igor Strawinsky

Mit Igor Strawinskys Suite aus dem Ballett Der Feuervogel, 1910 in Paris komponiert, schließt das Konzert mit russischen Folkloremotiven. Michel Fokine, Choreograf der Uraufführung, verschmilzt in seinem Libretto zwei russische Märchen: Der unsterbliche Koschtschej und Das Märchen von Iwan Zarewitsch, dem Feuervogel und dem grauen Wolf. Strawinskys Musik verleiht den Märchenwelten jeweils eine eigene Farbe: Das düstere Reich Koschtschejs wird im Danse infernale mit peitschendem Rhythmus charakterisiert, der Feuervogel erhält lyrische, gleißende Farben, und die Prinzessinnen zart-duftige Tänze. Das Ballett bescherte Strawinsky einen der ersten großen und langhaltenden Erfolge seiner Karriere.

Unterstützung erhalten die Augsburger Philharmoniker bei ihrem 6. Sinfoniekonzert von Artist in Residence Ruth Killius. Die Violistin wird den Solopart bei Luciano Berios Voci bestreiten. Außerdem zu Gast im Kongress am Park: Dirigent Peter Rundel. Der Spezialist für Musi kdes 20. Jahrhunderts, der regelmäßig bei den großen deutschen Rundfunkorchestern gastiert, wird die musikalische Leitung des Abends übernehmen.

Folklore neu gehört – 6. Sinfoniekonzert
20. und 21. März 2017
Kongress am Park